Zuckerbrot und Peitsche

Buenos Aires macht es uns nicht ganz leicht. Vieles, was in Afrika ohne weiteres geklappt hat, bedarf hier mehrerer Anläufe oder einer unfangreichen Recherche. Wir sind genervt, da es besonders Alläglichkeiten wie das Bezahlen mit der Visa-Card, Geldabheben, mal eben irgendwo einen Kaffee trinken gehen oder Lebensmitteleinkaufen betrifft. Die Stadt ist einfach chaotisch und die aufgehübschten Ecken wirken auf uns wie leere Fassaden, die dazu dienen, den Touristen mit wenig Aufwand das Geld aus der Tasche zu ziehen. So heute wieder in Caminito: Nachdem wir es vor ein paar Tagen in den frühen Abendstunden verlassen vorgefunden haben, wollten wir es jetzt voller Leben sehen. Nun wissen wir, wie auf engstem Raum möglichst viele Besucher durch unzählige Souvenirläden und total überteuerte Restaurants geschleust werden (eine Schüssel Reis – ja, einfach nur Reis – für neun Euro!). Schnell haben wir die Kulisse verlassen und sind weiter nach San Telmo gefahren. Nur noch fix Geld geholt, weil Kartenzahlung meist kompliziert ist. Bankautomaten sind aber rar gesät. Der nächste ist einen Kilometer entfernt.  Blöd, dass er kaputt ist. Der nächste ist dann wieder etwa einen Kilometer weit weg. Wir wandern los, in der Hoffnung, dass er funktioniert. Voilà, es klappt.

San Telmo ist einer der ältesten Stadtteile Buenos Aires. Wir versprechen uns mehr Ursprünglichkeit und stürzen uns gleich auf den Antikmarkt in der Calle Defensa. Gut, die gleiche Idee hatten auch all jene Touristen, die wir nicht in Caminito getroffen hatten. Doch irgendwie hatte es was. Überall spielten Livebands (hier ein Video dazu) und Menschen tanzten auf den kleinen Plätzen. In einer Nebenstraße fanden wir sogar ein Lokal mit ganz normalen Preisen. Ein Stück weiter auf dem Plaza de Dorrego läuft eine Tangoshow. Das Publikum ist begeistert und später am Abend tanzen alle Laien-Tango-Tänzer mit (Video mit den Tänzern). Hier gefällt es uns. Die Stimmung ist ausgelassen und trotz der vielen Menschen ist es friedlich und ungewöhnlich ruhig. Glücklich, dass sich der Tag noch gedreht hat und wir ein Fleckchen gefunden haben, dass uns gefällt, treten wir den Heimweg an. Nach etwas Bus-Wirrwarr – es ist nicht gesagt, dass Busse der gleichen Linien auch gleiche Haltestellen anfahren – erreichen wir unseren Kiez.

Nur eine Querstraße von unserer Unterkunft entfernt, treffen wir auf zwei Männer. Einer von ihnen liegt bäuchlings auf dem Gehweg, der andere steht etwas überfordert wirkend neben ihm. Mehrere Passanten sammeln sich um die zwei und Christian will sofort helfen. Mir fällt die Waffe in der Hand des zweiten Mannes auf und ich dränge darauf, dass wir weitergehen. Ein kurzer Blick offenbart mehrere Patronenhülsen neben dem Mann auf dem Boden und ein Loch in seinem Genick, aus dem ein Rinnsal Blut fließt. Wir wissen nicht, was passiert ist, aber die Szenerie erinnert an einen Film. Etwas verstört gehen wir heim. Unser Mitbewohner erzählt uns, dass er sowas noch nicht erlebt hat. Buenos Aires bleibt unergründlich und zäh, wie ein Kaugummi unterm Schuh.

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